Übersee-Markt fest im Blick

Curetis ist ein Bio-Tech-Unternehmen, welches als Startup gegründet wurde. Die Produktidee des Gründerteams sind Einweg-Diagnose-Systeme zur Feststellung von schweren Infektionskrankheiten und gleichzeitiger Antibiotikaresistenz. Über 100 Millionen Euro hat Curetis bereits an Kapital eingeworben und ist dabei, die Zulassung in den Vereinigten Staaten von Amerika zu bekommen. Das ist der wichtigste Markt, und mit weiterem Wachstum wird die Firma aus Holzgerlingen zu einem lukrativen Übernahmekandidaten.

Der Vorstand von Curetis/Unyvero System. //Foto: Curetis
Der Vorstand von Curetis/Unyvero System. //Foto: Curetis

Alles hat zwei Seiten. Sogar Pilze und Bakterien. Sie können Menschen krank machen und heilen. Pilze und Bakterien sind Bestandteile von Antibiotika. Sie hemmen das Wachstum anderer Organismen ab. Bei einer Lungenentzündung, Blutvergiftung oder anderen Infektionskrankheiten. Aber: nach häufiger Anwendung entwickeln sich resistente Bakterien. Dann hilft das bei bestimmten Krankheiten verabreichte Antibiotikum nicht mehr. Deshalb wird bei schweren Infektionen nicht nur der Erreger bestimmt, sondern auch gleich seine Resistenz auf das Medikament getestet. Die herkömmliche Analyse dauert in Labors Tage. Ein neues, lokales Verfahren diagnostiziert in vier bis fünf Stunden. Um das System zu entwickeln wurde Curetis gegründet.

Das war 2007. Zwei der Gründer entwickelten in den 1980er Jahren bei Hewlett Packard in Böblingen medizintechnische Geräte. Aus diesem Geschäftsbereich entstand das eigenständige Unternehmen Agilent, dessen Medizinsparte schon zwei Jahre später, 2001, von Philips gekauft wurde. Die beiden Entwickler haben mit neuen Kollegen fortan an einer diagnostischen Plattform fürs Krankenhaus gearbeitet, erste Prototypen gebaut und Marktforschung betrieben. Als Philips das Projekt in die zentrale Forschung nach Eindhoven, Niederlande, delegierte, machte sich das Team selbständig. Es bestand aus sechs Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen. Ingenieure, Mediziner, Biologen. In Holzgerlingen, etwa zehn Kilometer von ihrem früheren Arbeitsplatz in Böblingen, haben sie auf der grünen Wiese die Firma mit eigenem Ersparten gegründet und das erste Jahr komplett selbst finanziert. 2008 bekamen sie eine erste, kleine Seed-Finanzierung in Höhe von 1,4 Millionen Euro. Im Jahr darauf warb das Management über ein Syndikat rund 20 Millionen Euro ein. Geldgeber sind professionelle Anleger und lokale Unternehmerfamilien. Die Produktidee Unyvero hatte überzeugt.

Die Curetis Unyvero Kartusche ITI. //Foto: Curetis
Die Curetis Unyvero Kartusche ITI. //Foto: Curetis

System, wie man es von einem Drucker zuhause kennt
Die Unyvero-Plattform ist ein System in der Größe eines Multifunktions-Druckers. Mit einem Drucker verbindet sie ohnehin manches. Zunächst sind es die Kartuschen, die eingesetzt werden. Für unterschiedliche Infektionen gibt es den passenden Einschub. Der unterscheidet sich in der Farbe und dem Inhalt. In der Kartusche passiert all das, was in einem molekularbiologischen Labor gemacht wird: aus der Patientenprobe wird die Erbsubstanz extrahiert, die DNA-Schnipsel der Bakterien millionenfach kopiert und auf einen Biochip übertragen. Eine Kamera im Gerät liest den Chip aus und überträgt die Ergebnisse mittels Software an den Bildschirm. Die Kartusche ist ein vollautomatisiertes kleines Labor, das einmal verwendet, dann entsorgt wird. Das Gerät enthält Mechanik, Optik und Software für die Prozesse in den Kartuschen.

Glückliche Fügung
Fünf Jahre hat das Team an der Entwicklung nach der Zeit bei Philipps weitergearbeitet, bis es 2012 das erste System in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf den Markt brachte. Im Jahr davor wurde Dr. Oliver Schacht CEO des Unternehmens. Sein Eintritt in die Firma ist ähnlich wie das Zusammentreffen des Gründerteams weniger Zufall, sondern mehr Fügung. Er passt zu Curetis wie die Kartusche ins System.

Schacht, 46, wollte eigentlich Bio-Chemiker werden. „Aber mein Notendurchschnitt war wohl für die Uni Tübingen nicht gut genug.“ Deshalb hat er internationale Betriebswirtschaftslehre in Reutlingen, London und Cambridge mit Schwerpunkt Finanzierung und Investitionsgütermarketing studiert, anschließend über strategische Partnerschaften zwischen Pharma- und Bio-Tech-Unternehmen promoviert. Sein Berufseinstieg war in einer großen amerikanischen Unternehmensberatung. Und nach einigen Projekten mit Pharma-Kunden hatte er nach drei Jahren die Möglichkeit, mit Wissenschaftlern in Berlin ein Bio-Tech-Unternehmen zur Diagnose von Krebs zu gründen. 13 Jahre war er dort Finanzvorstand und hat parallel die US-Tochter von Seattle aus sieben Jahre geleitet.

Während dieser Zeit wurde er von den ersten Investoren angesprochen, ob er für Curetis ein Aufsichtsratsmandat übernehmen wolle. „Weil es um eine andere Krankheit geht und daher kein Konflikt mit meinem Arbeitgeber bestand, nahm ich an.“ Ein gutes halbes Jahr arbeitet er mit dem Gründerteam eng zusammen an der Unternehmensfinanzierung und dem Businessplan. Kurz darauf stellen ihm das Team und Investoren die Frage: „Wollen Sie unser CEO werden?“ Schacht sagte „Ja“ und trat seinen neuen Job im April 2011 an.

Bereits 133 Systeme im Einsatz
„Anfangs war ich für alles verantwortlich, was nicht Wissenschaft und Technik war.“ Inzwischen wurden viele Mitarbeiter eingestellt – aus 10 wurden 80 – und Schacht ist heute zuständig für Unternehmensentwicklung, Finanzierung sowie Mergers & Aquisitions. In Bodelshausen, am Fuße der Schwäbischen Alb wurde eine Produktion aufgebaut. Mit Stand zur Jahresmitte 2016 waren 113 Systeme im Einsatz, viele davon in Deutschland, etwa an der Charité in Berlin, dem Uniklinikum Eppendorf in Hamburg, in Stuttgart, Sindelfingen und Tübingen.

„Unsere Kunden sind große Krankenhäuser mit großen Intensivstationen und haben daher ausreichend Bedarf für unsere klinische Diagnostik.“ Curetis vertreibt sein System direkt an Krankenhäuser, zum Listenpreis von 56.700 Euro in Europa. „Wir finanzieren das Gerät vor und stellen es kostenfrei ins Krankenhaus.“ Mit den Krankenhäusern werden Mindestabnahmemengen und Laufzeiten über drei, vier Jahre vereinbart. „Auf jede Kartusche wird ein Aufschlag erhoben, mit dem wir das Gerät refinanzieren.“ Das Prinzip kennt man vom Drucker mit seinen Patronen: günstig das Gerät, hoch der Preis fürs Zubehör. Und wieder zeigen zwei der Gründer, woher sie kommen.

Wohin Curetis will, ist die USA. „Eine vergleichende Studie mit rund 2.250 Patienten ist abgeschlossen, bis zum Jahresende wollen wir den Zulassungsantrag bei der FDA stellen und rechnen im ersten Halbjahr 2017 mit einer Zulassungsentscheidung.“ Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) genehmigt für die USA Lebens- und Arzneimittel. Das ist die Voraussetzung dafür, dass das Produkt in diesem äußerst lukrativen Markt vertrieben werden darf. Eine Besonderheit von Life-Science-Unternehmen ist die, dass das Umfeld extrem reguliert ist. Ein anderer, dass viel Geld über einen langen Zeitraum gebraucht wird, um ein Produkt auf den Markt zu bringen.

Bis zur Profitabilität geht es um Zeiträume, die weit über zehn Jahre hinausgehen, und um Investitionssummen von gut 100 Millionen Euro. „In Deutschland sind wir relativ gut darin, Unternehmensgründungen zu finanzieren. Wir tun uns aber notorisch äußerst schwer mit Geld für die Wachstumsphase.“ Curetis hat bislang circa 108 Millionen Euro Eigenkapital eingesammelt, davon 63,5 Millionen Euro Venture Capital und Private Equity sowie 44,3 Millionen Euro über den Börsengang 2015. Seitdem ist Curetis über seine holländische Konzern-Holding Curetis N.V. an der Euronext in Amsterdam und Brüssel notiert. Bei Curetis steckt viel Geld aus der Schweiz und den Niederlanden drin, ein bisschen aus Deutschland. Irgendwann wollen die Investoren einen Return ihres eingesetzten Kapitals. Entweder es gelingt Curetis mit steigenden Werten alle Investoren über liquide Aktien auszuzahlen und so die Investorenschaft durchzutauschen. Oder das Unternehmen wird mit Gewinn verkauft. „Wenn wir die Zulassung für die USA haben und der Absatz anzieht, sind wir potenziell ein attraktiver Übernahmekandidat.“