Interview mit Dirk Wittkopp

Werden Menschen im Zuge der Digitalisierung bald nur noch Zuschauer sein und von Maschinen ersetzt? Wo können KMU die digitale Transformation für neue Geschäftsmodelle nutzen und wie bindet man die Belegschaft ein? Darüber hat #6789 mit Dirk Wittkopp gesprochen. Er ist IBM Vice President Development und seit November 2009 Geschäftsführer der IBM Deutschland Research & Development GmbH. Das deutsche Forschungs- und Entwicklungszentrum mit Hauptsitz in Böblingen ist innerhalb der IBM Corporation eines der größten Zentren seiner Art.

Dirk Wittkopp, Forschungs-Chef von IBM Deutschland //Foto: IBM

Wo gibt es im Zuge der digitalen Transformation bei kleinen und mittelständischen Unternehmen noch besonders viel Raum für neue Geschäftsmodelle, die bisher nicht genutzt wurden?

Ideen für neue Geschäftsmodelle entstehen selten auf dem Reißbrett, sondern meistens dann, wenn sich durch disruptive Technologien auf einmal ganz neue Perspektiven eröffnen. Wer den Wettbewerb und die digitalen Trends aufmerksam verfolgt, beginnt ganz automatisch, die eigene Unternehmensstrategie und -ausrichtung gegenüber diesen Faktoren abzugleichen und sein Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Da die Digitalisierung Daten- und Service-orientiert ist, kann jedes Unternehmen, das wertvolle Daten hat oder über eine einzigartige Expertise verfügt, die sich digitalisieren lässt, darauf ein entsprechendes Geschäftsmodell aufbauen. Gerade durch die Cloud sind derartige Dienstleistungen nicht mehr durch die eigene IT-Infrastruktur limitiert, sondern können dynamisch wachsen.

Inwiefern ist für Sie Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen wichtig, um die Digitalisierung in deren Branchen voranzutreiben?

Zusammenarbeit mit Kunden, Partnern und auch teilweise Wettbewerbern ist unverzichtbar. Kein Unternehmen kann heute bei der vorherrschenden Komplexität in nationalen und besonders internationalen Wirtschaftsabläufen von sich behaupten, allwissend zu sein und die eine richtige Lösung aus der Tasche ziehen zu können. Bestes Beispiel ist unser neu eröffnetes globales Internet of Things Center in München: Dort arbeiten in so genannten „Collaboratories“ unsere Experten gemeinsam mit Kunden, Partnern und Forschungseinrichtungen an neuen kognitiven Technologien und Lösungen. Diese Art der offenen, unternehmens- und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist aus unserer Sicht der erfolgversprechendste Ansatz für branchenspezifische Projekte, in denen unterschiedlichste Technologien, Abläufe und Regularien zusammentreffen.

Unternehmen berichten oft von Widerständen in der Belegschaft, wenn es um neue Ideen rund um das Thema Digitalisierung geht. Wie kann man die Mitarbeiter bei diesem Prozess mitnehmen?

Frühes Einbinden und eine transparente Kommunikation entlang der ganzen Transformation sind die einzigen Möglichkeiten. Denn schließlich geht es nicht nur um Akzeptanz, sondern auch darum, dass die mit der Digitalisierung einhergehenden Tools und Verhaltensweisen im Unternehmen umgesetzt und gelebt werden. Ansonsten bleibt das alles Stückwerk.

„Kein Unternehmen kann heute von sich behaupten allwissend zu sein“

Dirk Wittkopp, Forschungs-Chef von IBM Deutschland

Im Zuge der Digitalisierung ist meist schnell von der vierten industriellen Revolution die Rede. Eine Revolution bedeutet vor allem einen Umbruch. Sind wir in den kommenden Jahren als Menschen bald nur noch Zuschauer während die Roboter fleißig arbeiten und die Computer denken?

Mit den zunehmenden Fähigkeiten von kognitiven Systemen und künstlicher Intelligenz treten natürlich zunehmend Fragen in den Vordergrund, die sich mit dem Verhältnis zwischen Technologie und Nutzer beschäftigen. Letztlich sind es die dieselben Fragen, die zu Beginn der Industrialisierung und anschließend bei der Automatisierung von Fabriken aufgetaucht sind. Dafür braucht es in den nächsten Jahren einen offenen Diskurs auf allen Ebenen – in Unternehmen wie auch in der Gesellschaft und Politik. Wir haben bei IBM eine klare Position: Wir sprechen nicht von Artificial, sondern von Augmented Intelligence. Das bedeutet, dass IT-Systeme dazu da sind, dem Nutzer zu helfen, seine täglichen Aufgaben besser zu bewältigen und nicht, den Menschen zu ersetzen. Wir haben dazu auch im letzten Jahr eine „Partnership for AI“ mit Google, Microsoft, Facebook und anderen ins Leben gerufen, um Forschungsergebnisse auszutauschen und Handlungsempfehlungen für diese neuen Technologien zu formulieren.

Für die bessere Vernetzung landen Daten oft auch in einer Cloud. Welchen Vorteil hat es, wenn Messdaten eines Sensors an der Maschine den „Umweg“ über einen Server am anderen Ende Welt nehmen, bevor sie wieder im heimischen Rechenzentrum aufschlagen?

Die Entscheidung für die Einbindung von Sensoren in eine Cloud-Umgebung ist keine Notwendigkeit, aber oftmals von Vorteil. Sie bietet sich beispielsweise an, weil in der Cloud Services verfügbar sind, die die Daten anreichern und so aufbereiten, dass sie für die weitere Verarbeitung beispielsweise in CRM-Systemen genutzt werden können. Wer seine Daten nicht in einer Public Cloud-Umgebung ins Ausland geben möchte, kann auch auf lokale Rechenzentren zugreifen oder einen hybriden Ansatz wählen, den wir unseren Kunden gerne empfehlen. So kann ein Unternehmen selbst entscheiden, welche Daten wo liegen und verarbeitet werden.

Stichwort IT-Sicherheit und Datenschutz: Was muss man als Unternehmer beachten, damit diese zwei Punkte nicht zum Fallstrick werden?

Zunächst einmal muss man sich ausführlich mit den europäischen Datenschutzrichtlinien und der entsprechenden Grundverordnung vertraut machen, die ab 2018 gilt. Auf der technischen Seite braucht es einen ganzheitlichen Ansatz für die IT-Sicherheit im Unternehmen. IT-Sicherheit sollte mittlerweile ein ebenso unternehmenskritisches Thema wie das Controlling oder die Personalführung sein.

Zum Jahresbeginn veröffentlicht IBM immer fünf Prognosen über Technologie-Trends, die in den kommenden fünf Jahren unser Leben verändern werden. Was glauben Sie persönlich, welche der Anfang 2017 prognostizierten Entwicklungen als erste eintreten wird und warum?

Aus meiner Sicht werden wir in den nächsten Jahren die größten Fortschritte auf dem medizinischen Gebiet sehen: Kognitive Systeme wie IBM Watson sind heute schon in der Lage, Ärzte mit schnellen Informationen und Behandlungsvorschlägen bei Diagnosen und weiterführenden Maßnahmen zu unterstützen. Das zweite große Thema ist sicherlich das Internet der Dinge bei dem laut den IT-Analysten von Gartner bis in drei Jahren 20 Milliarden Geräte miteinander verbunden sein werden. Auf beiden Feldern ist die rasant anwachsende Datenmenge und die damit potenziell wertvollen Informationen, die bisher nicht nutzbar waren, der größte Treiber für Innovationen.