Experten-Interview mit Thomas Kleine


Zur Person

Thomas Kleine studierte Betriebswirtschaft an den Universitäten Osnabrück und Augsburg sowie an der Katz Graduate School of Management in Pittsburgh, PA. Nach seinem Abschluss (Diplom)
im Jahr 2001 war er 5 Jahre in der Beratung bei KPMG / BearingPoint tätig. Im Jahr 2006 setzte er seine berufliche Laufbahn bei The Coca-Cola Company fort, wo er in verschiedenen Positionen in der IT des Unternehmens tätig war. Unter anderem war er IT-Direktor bei der Coca-Cola Deutschland GmbH sowie Regional Director für Business Intelligence, Big Data & Analytics und schließlich Global Lead Data Management. Seit Januar 2017 leitet Thomas die IT Funktion von Pfizer in der DACH-Region.


Was verstehen Sie unter Cybersecurity?
Cybersecurity umfasst alle Investitionen, Maßnahmen und Vorkehrungen in personeller, finanzieller und organisatorischer Hinsicht, um die Sicherheit der IT-Anwendung eines Unternehmens gegen Bedrohung und Angriffe von außen zu gewährleisten. Dazu gehören neben der Hardware auch die Software und Infrastruktur.

Ist die IT-Sicherheit ein Lauf gegen die Zeit oder gegen die Technik?
Beides. Technologien entwickeln sich in einem so rasanten Tempo weiter, dass etwaige Bedrohungsszenarien auf technologischen Weiterentwicklungen aufbauen und immer intelligenter werden. Unternehmen und Organisationen müssen dadurch permanent auf dem neuesten Stand bleiben.

Kann ein Unternehmen immer up to date sein?
Der ehemalige Innenminister Thomas de Mazière hat im bundespolitischen Kontext eine absolute Sicherheit seinerzeit verneint. Ähnliches gilt aus meiner Sicht für die IT-Sicherheit. In der Theorie streben wir die Maxime an, immer auf dem aktuellsten Stand zu sein. In der Praxis sieht das manchmal anders aus. Umso wichtiger ist es, dass wir unseren Mitarbeitern deutlich machen, dass wir eine 100-prozentige IT-Sicherheit nicht gewährleisten können. Jeder einzelne Mitarbeiter ist deshalb in der Verantwortung, sensibel mit unseren Daten und Systemen umzugehen.

Was hat sich im Vergleich zu früher verändert?
Die Digitalisierung hat die Schwerpunkte verändert. Es gibt eine immer stärkere Vernetzung zwischen Privatem und Beruflichem; Daten bzw. Informationen sind vermehrt online verfügbar, teilweise sogar nur noch online. Damit gibt es im Vergleich zu früher auch eine breitere Angriffsfläche für Cyberkriminalität.

»DIE DIGITALISIERUNG KANN UNS
HELFEN, VIELE LEBENSBEREICHE ZU
VEREINFACHEN UND NEUE FREIRÄUME
FÜR KREATIVITÄT, MUSSE, BILDUNG
UND DAS MITEINANDER SCHAFFEN.«

Thomas Kleine

Wie hält man sich beim Thema Cybersecurity fit?
Durch Selbststudium in einschlägige Quellen, durch Fortbildungen und Trainings aber auch die Szene zu beobachten: Wie agiert sie? Welche Methoden, Techniken und Strategien wendet sie an? Der Nachteil ist, dass man immer einen Tick zu spät ist, wie am Beispiel Cambridge Analytica: Der Schaden ist bereits entstanden, aber die vorgenommene Herangehensweise und die Taktiken kann man analysieren und daraus Rückschlüsse ziehen. Pfizer selbst investiert stark in das Thema Cybersecurity, um seine Mitarbeiter zu sensibilisieren: Wir haben ein internes Kompetenzzentrum aufgebaut, worüber wir Kurse und Schulungen anbieten, die die Mitarbeitenden fit halten.

Welche Mitarbeiter brauchen Sie, um Ihr Unternehmen vor Cyberangriffen zu schützen?
Wir benötigen Mitarbeiter, die eine ausreichende Sensibilität für das Thema mitbringen, die wissen, welche Gefahren im Netz existieren, ohne überängstlich zu handeln. Gleichzeitig müssen sie in der Lage sein, Verantwortung zu übernehmen. Genauso wichtig aber ist es, dass auch die Mitarbeiter anderer Abteilungen sich in der digitalen Welt kompetent und selbstbewusst bewegen können.

Und sie dürfen auch Fehler machen?
Es ist wichtig, dass man die Mitarbeiter fördert und bestärkt neue Wege zu beschreiten. Dazu gehört selbstverständlich auch die Akzeptanz einer entsprechenden Fehlerkultur. Manche Wege führen auch mal in eine Sackgasse, aber wir haben dadurch an Erfahrung gewonnen. Fehler machen oder Scheitern sollte nicht immer als etwas Negatives betrachtet werden.

Welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung?
Die Digitalisierung kann uns helfen, viele Lebensbereiche zu vereinfachen und neue Freiräume für Kreativität, Muße, Bildung und das Miteinander schaffen. Chancen sehe ich auch hinsichtlich neuer Berufsbilder. Dinge, die eine Maschine besser erledigen kann als der Mensch, sollten wir auch die Maschine machen lassen. Es gilt mehr Vertrauen in die Technologie aufzubauen, Stichwort „künstliche Intelligenz“. Der Mensch wird dadurch nicht überflüssig. Er besitzt nach wie vor einzigartige Fähigkeiten, die ein Roboter oder Algorithmus nie haben wird.

Ihre Vision in Digitalisierung?
Dass die Digitalisierung zu einer gesünderen Welt beiträgt. Neue Technologien werden uns helfen, Prävention, Diagnostik und Therapien entscheidend zu verbessern, sodass wir Krankheiten besser behandeln oder gar vermeiden können. Dies erfordert natürlich auch ein Umdenken bei uns allen, denn letztlich können wir diese Vision nur erreichen, wenn wir den kulturellen Wandel, der mit der Digitalisierung einhergeht, erfolgreich gestalten.