Einmal Service durch die Datenbrille, bitte!

Industrie 4.0 digitalisiert die Produktion. Die Firma Essert digitalisiert den Service. Über das Internet verbinden Apps Betreiber und Hersteller von Maschinen, um diese rasch und kostengünstig zu warten. Alle notwendigen Informationen dafür werden auf eine Datenbrille eingespielt: Texte, Bilder, Videos – und die Hände sind frei zum Reparieren unter professioneller Anweisung.

Maschinen werden dafür gebaut, dass sie laufen. Stehen sie still, kostet das Geld, mitunter sehr viel, weil der Ausfall einer Maschine eine ganze Fertigungslinie lahm legen kann. In der Folge entstehen Produktionsengpässe und wenn der Fehler an der Maschine nicht rasch gefunden wird, drohen Konventionalstrafen aufgrund nicht eingehaltener Liefervereinbarungen. Mitunter kann der Ausfall einer einzelnen Maschine bei einem Zulieferer bedeuten, dass bei Automobilherstellern eine komplette Fertigungslinie steht, weil die Teile just in time angeliefert werden, also dann, wenn sie benötigt, ohne beim Hersteller zwischengelagert zu werden. Dann wird der Ausfall der Maschine richtig teuer.

Christopher Essert, Firmengründer, heute 29, hat sich mit nur 22 Jahren selbständig gemacht. //Foto: Essert GmbH

Den Fehler möglichst schnell zu beheben, ist daher das oberste Ziel. Das Internet und Augmented Reality machen es möglich. Augmented Reality heißt übersetzt „erweiterte Realität“. Erweitert wird die richtige um eine digitale Realität, mittels Datenbrille, Kommunikationselektronik und Service- Portal. Die Brille trägt der Monteur in der Firma, in der die Maschine steht. Über das Internet verbindet er sich mit einem Servicetechniker aus dem Unternehmen, das die Maschine gebaut hat. Sie kommunizieren nun digital und können das Problem im Idealfall rasch lösen. Die Interaktion zwischen Monteur und Servicemann ist in vielfältiger Form möglich: Der Experte kann dem Monteur virtuell über die Schulter schauen und ihn so anweisen, was wo zu tun ist. Er kann aber auch diverse Informationen wie Datenblätter, Schaltpläne oder Bilder in das Head-Up-Display der Datenbrille übertragen. Das alles geschieht in Echtzeit und der Monteur hat seine Hände zum Arbeiten frei. Mit dem Telefon in der Hand geht das nicht und die Freisprecheinrichtung ergibt in einer lauten Produktion keinen Sinn.

Augmented Automation ist ein Geschäftsbereich der Firma Essert im badischen Ubstadt-Weiher, in der Nähe von Bruchsal. Dieser jüngste Geschäftszweig wurde 2012 gegründet. Die anderen beiden sind Control Systems und Intelligent Robotics. In dem entwickelt das Unternehmen Softwarelösungen für die Mensch-Maschine-Kollaboration, speziell für Leichtbauroboter. Mit Control Systems hat sich der Firmengründer Christopher Essert, heute 29, mit 22 Jahren selbständig gemacht. „Ich habe als Dienstleister Software für Automatisierungstechnik geschrieben.“ Das macht die Firma heute auch noch, damit hat Essert Geld verdient, um die anderen Geschäftsbereiche aufzubauen. Bei Heidelberger Druck hat er Automatisierungstechniker mit der Fachrichtung Robotik gelernt. Nicht lange danach gründete er mit 22 Jahren seine eigene Firma. „Die lief richtig gut an, ich war erfolgreich.“ Nach einigen Jahren war es ihm allerdings zu wenig, nur Dienstleister für andere zu sein. „Man ist sehr abhängig vom wohlwollen der Kunden.“ Essert machte sich Gedanken darüber, wie neue Technologien in der Industrie wertschöpfend implementiert werden können. Das war im Jahr 2012, damals kam Augmented Reality auf. „Ich hatte schon einige Mitarbeiter und gründete ein kleines Team, das sich auf Produkt- und Technologie-Entwicklung von Datenbrillen für den Einsatz in der industriellen Fertigung spezialisierte.“ Heute ist der Geschäftsbereich Augmented Automation der wirtschaftlich bedeutendste und der mit der größten Zukunftsperspektive.

„Der Serviceaufwand lässt sich mit unserer digitalen Lösung um fast die Hälfte, die Reisezeiten um Dreiviertel gegenüber herkömmlichem Service reduzieren“

Christopher Essert

Essert hat inzwischen 52 Mitarbeiter, der Umsatz steigt gewaltig: Das Personal- und Umsatzwachstum lag in den vergangenen beiden Jahren bei über 70 Prozent, im laufenden Geschäftsjahr werden es über 100 Prozent gegenüber dem Vorjahr sein. 2018 soll der Umsatz bereits über 10 Millionen Euro betragen. „Die Umsatzverdoppelung in diesem Jahr schaffen wir mindestens, denn Ende Februar stand unser Auftragseingang bereits über der Gesamtleistung im vergangenen Jahr. Essert profitiert zweifelsfrei von Industrie 4.0, der Automatisierung in der Produktion. Seine Augmented-Automation-Produkte stuft er als „marktführend“ ein. „Täglich erreichen uns vier bis fünf Anfragen aus aller Welt.“ Die Preise für seine Produkte stehen auf der Website, was außergewöhnlich ist. Die Nutzung der App für Augmented Support kostet in der Grundversion einmalig 2500 Euro, in der Premium-Version, die mehr Funktionen enthält, 4200 Euro. Diesen Service nutzt der Druckmaschinenhersteller KBA aus Würzburg. Sollte an einer der Maschinen etwas nicht funktionieren, muss der Fehler rasch behoben werden, weil die Zeitung am nächsten Tag gedruckt sein muss. Wenn nicht, hätte das für die Druckerei fatale Folgen. Bei Problemen mit einer Druckmaschine hat die Druckerei früher den KBA-Service angerufen, gemeinsam wurde dann versucht, das Problem telefonisch zu lösen. Hat das nicht geklappt, musste sich der Servicemann auf den Weg in die Druckerei machen. Heute geht das mit der Datenbrille viel schneller und effizient. „Der Serviceaufwand lässt sich mit unserer digitalen Lösung um fast die Hälfte, die Reisezeiten um Dreiviertel gegenüber herkömmlichem Service reduzieren“, sagt Essert. Dank bidirektionaler und audiovisueller Unterstützung. Die App dafür heißt Augmented Support, „wir können sie so günstig anbieten, weil alles standardisiert und deshalb universell in Unternehmen unterschiedlicher Branche, Größe und Standort nutzbar ist.“ Standardisierung und Automatisierung soll auch die Produktion schneller und günstiger machen. Essert hat also dasselbe Interesse wie seine Kunden.

Christopher Essert beschreibt sich als einen absoluten Teamplayer. //Foto: Essert GmbH

Ein anderes Produkt ist die App Augmented Instructions, einer Art industrielles Youtube. Mit der Datenbrille kann der Werker an der Maschine den Reparaturvorgang filmen, etwa wie ein Druckwerk kalibriert wird. Das Video wird anschließend in das Essert-Portal geladen, bearbeitet und anderen Kunden des Unternehmens zur Verfügung gestellt, die dieselbe Maschine mit demselben Problem haben. „So können Maschinenbauer eine Wissensdatenbank aufbauen und ihren Kunden dieses Know-how als cleveren Service anbieten.“ Mal sind die Kunden der Essert-Apps die Hersteller der Maschinen, mal die Anwender, mitunter sogar beide. „Wie verbinden sie mit unseren Lösungen und liefern damit das Werkzeug für den Service.“ Mit dieser Idee hat Essert einen wahren Hype ausgelöst. Die ersten beiden Jahre seiner Selbständigkeit hat er allein gearbeitet, dann kamen die ersten Mitarbeiter hinzu. Essert beschreibt sich als einen absoluten Teamplayer, der das Geld, das er investiert, zuerst selbst verdient. So lief das bis zum Jahresende 2016, dann wurde mit dem Unternehmen MAX Automation AG mit Sitz in Düsseldorf ein Gesellschafter in Form einer Minderheitsbeteiligung aufgenommen. „Wir haben einige Millionen bekommen, um weltweite Strukturen aufzubauen.“ In den USA und Asien wird Essert nun auch bald mit Niederlassungen vertreten sein.