Cloud Mall BW – Ein Transferprojekt mit Praxispiloten

Cloud Computing hat ein hohes Potential. Deshalb fördert das Land diese Technologie bei kleinen und mittleren Unternehmen über das Transferprojekt „Cloud Mall Baden-Württemberg“. Ziel ist die Entwicklung kooperativer Formen der Zusammenarbeit – insbesondere kleiner und mittlerer Anbieterunternehmen von Informations- und Kommunikations technik zur Bereitstellung von integrierten Cloud-Lösungen durch Praxispiloten. Die gewonnen Erkenntnisse zu Fallstricken und Erfolgsstrategien sollen anderen IT-Anbieterunternehmen helfen, Cloud Computing effektiv zu nutzen und mit anderen Unternehmen zu kooperieren, um die Vernetzung und die eigene Sichtbarkeit zu steigern.

Cloud Computing wächst so schnell wie nie in Deutschland: Im vergangenen Jahr nutzten drei von vier Unternehmen Rechenleistung aus der Cloud. Im Jahr zuvor sind es zwei von drei gewesen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom, die im vergangenen Juni veröffentlicht wurde. Aus Sicht der Anwender ist Cloud Computing die bedarfsgerechte Nutzung von IT-Leistungen wie etwa Software, Speicherplatz oder Rechenleistung über Datennetze. Das Datennetz kann ein unternehmensinternes Intranet sein oder das öffentliche Internet. Laut der Studie haben im vergangenen Jahr etwa die Hälfte der Unternehmen Private-Cloud-Anwendungen genutzt und rund ein Drittel setzte auf Public-Cloud-Lösungen. Bei letzteren werden Hard- und Software in flexiblem Umfang bei einem externen Anbieter genutzt, sodass keine eigene IT-Infrastruktur aufgebaut werden muss.

Landesregierung setzt auf Cloud Computing

„Als große Innovationsfelder im Bereich der digitalen Transformation haben sich in den letzten Jahren die technologischen Trends Cloud Computing, Big Data und Konnektivität herauskristallisiert. Sie ermöglichen es wiederum künstliche Intelligenz anzuwenden und Wertschöpfungsketten miteinander zu vernetzen. Wichtige Rahmenbedingungen für diese Entwicklungen sind Datensicherheit, eine leistungsfähige Infrastruktur, die Kompetenzen und das Wissen der Menschen“, steht in der Digitalisierungsstrategie von Baden-Württemberg. Das Land setzt auf Cloud Computing und fördert die Technologie mit dem Gemeinschaftsprojekt „Cloud Mall Baden-Württemberg“ mit insgesamt 4,6 Millionen Euro.

Projektpartner sind bwcon research, die beiden Fraunhofer-Institute für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und für Produktionstechnik und Automatisierung IPA sowie das Institut für Enterprise Systems InES an der Universität Mannheim. „Während die großen IT-Unternehmen bereits qualifizierte Services für Cloud Computing anbieten, fällt es vielen Mittelständlern oft schwer, umfassende und übergreifende Angebote zu entwickeln“, sagte Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut bei der Auftaktveranstaltung für das Projekt, das bis Oktober 2020 läuft. Zunächst ist es mit der Umsetzung in den drei Feldern „produzierende Unternehmen“, „Handelsunternehmen“ sowie „Jung- und Kleinunternehmen“ gestartet, die als Blaupausen für weitere Anwendungsfelder dienen sollen.

»BEI VERTRAUENSWÜRDIGEN CLOUDLÖSUNGEN SIND ÄNGSTE UND SORGEN WEITESTGEHEND UNBERECHTIGT.«

Projektleiterin Sandra Frings vom Fraunhofer IAO

Unterstützung durch Projektpartner

„Cloud Mall Baden-Württemberg“ ist ein Transferprojekt: Aus den Ideen der kleinen und mittleren Unternehmen sollen reale Produkte werden. Schwerpunkt sind daher Praxispiloten. „Wer am Projekt teilnehmen will, muss eine Ideenskizze ausfüllen“, sagt die operative Projektleiterin Sandra Frings vom Fraunhofer IAO. Die Ideenskizze ist zum einen eine Checkliste für interessierte Unternehmen, zum anderen schon im Ansatz ein Businessplan für die Geschäftsidee. Die Projektpartner von „Cloud Mall BW“ leisten für die Kooperationspartner des Praxispiloten Unterstützung bei der Organisation, Konzeption, Dokumentation oder technischen Prototypisierung. Idee ist, dass aus den Praxispiloten im Anschluss erfolgreiche Produkte und Services werden. Vor allem aber geht es darum, Ängste zu nehmen, selbst diese Projekte im Verbund anzugehen und um den Wissenstransfer der gewonnenen Erkenntnisse aus diesen Kooperationen. „Fast jede Anwendung auf dem Rechner sowie fast jede App auf dem Smartphone ist Cloud-basiert“, sagt Frings. Weil die Technologie überall vorhanden ist, will Baden-Württemberg sie fördern und gleichzeitig negative Vorurteile abbauen. Dabei geht es stets um Sicherheit: Die Unternehmen fürchten sich vor einem unberechtigten Zugriff auf ihre Daten oder haben Angst vor Datenverlust, wenn sie diese an einen Dritten geben. „Bei vertrauenswürdigen Cloud-Lösungen sind diese Ängste und Sorgen weitestgehend unberechtigt“, sagt Frings. Bei den Praxispiloten geht es ausschließlich um sichere Lösungen.

Cloud Computing wächst so schnell wie nie in Deutschland: Im vergangenen Jahr nutzten drei von vier Unternehmen Rechenleistung aus der Cloud. //Foto: Alina Grubnyak

Integration als strategische Frage

Damian Kutzias ist im Projekt „Cloud Mall BW“ als technischer Manager für Fragestellungen rund um Cloud-basierte Integration zuständig und begleitet in Praxispiloten Unternehmen anzugebei der Integration ihrer Produkte und Services. „Welche Art der Integration gewählt wird ist nicht nur eine technische, sondern auch eine strategische Fragestellung und hängt von bestehenden Systemen, deren Schnittstellen sowie den Kooperationspartnern ab“, sagt er. Wenn ein Anbieter ein Angebot hat, das notwendige technische Anforderungen mit sich bringt, dann übertragen sie dies ein Stück weit auf den oder die Partner. Allerdings lassen sich diese Restriktionen soweit abstrahieren, dass sie sich etwa über Plattformen zur Integration von IT-Lösungen minimieren lassen. Das bedeutet für die Projektpartner, dass sie sich in vielen Fällen lediglich auf Schnittstellen sowie Datenformate einigen müssen. Die Schnittstellen können entweder zentralisiert sein oder bilateral zwischen den Lösungen agieren. „Wie die einzelnen Systeme im Kern aussehen ist durch die serviceorientierten Architekturen heutzutage oft nicht relevant“, sagt Kutzias. Lediglich die Anwendungen, die miteinander kommunizieren, müssen dieselbe Sprache sprechen. „In der Umsetzung sind wir offen. Jede dieser vier Integrationslösungen kann zum Einsatz kommen“, sagt Kutzias. Die Anforderungen, Ziele sowie der Anwendungsfall bestimmen den Ansatz.

»WIE DIE EINZELNEN SYSTEME IM KERN AUSSEHEN IST DURCH DIE SERVICEORIENTIERTEN ARCHITEK TUREN OFT NICHT RELEVANT.«

Damian Kutzias, technischer Manager für Fragestellungen

Kooperation für mittelständische Unternehmen

Rudolf Mietzner, Projektleiter bei bwcon research ist bei „Cloud Mall BW“ für die Themen Geschäftsmodelle und Betriebskonzept sowie rechtliche Rahmenbedingungen zuständig.
„Kooperationen zwischen kleinen und mittelständischen Unternehmen machen deshalb Sinn, weil wir sehen, dass KMU dann ein Vollsortiment anbieten können, wie das große Unternehmen tun“, sagt Mietzner. Kooperieren kleine, multiplizieren sie sich zum Großen. Im Projekt „Cloud Mall BW“ können mittelständische IT-Unternehmen aus Baden-Württemberg kooperieren, wenn einer der beiden Cloud Computing betreibt, sei es als Anbieter eines Rechenzentrums oder mit Cloud-Services. Im Idealfall kooperiert ein Anwender zusätzlich mit. „Wir suchen nach passenden Partnern für ein erfolgreiches Matching“, sagt Mietzner. Auf der Homepage der Initiative www.cloud-mall-bw.de gelangt man über den Reiter „Netzwerk“ ins „Forum“; dort können Unternehmen Partner für ihre Ideen suchen und finden.

Informationsveranstaltungen zum Projekt haben auch immer das Ziel für ein Ideen- und Partner-Matching, damit Unternehmen sich mit Partnern bewerben können und falls sie eine gute Idee, aber keine Partner haben, diese im Forum finden können. Dazu dienen auch die Ideenwettbewerbe, von denen bereits zwei stattgefunden haben. „Was wir nicht tun, ist, in privatrechtliche Rahmenbedingungen der Kooperationspartner einzugreifen“, sagt Mietzner. In welcher rechtlichen Form die Partner nach dem Praxispiloten zusammenarbeiten und was sich daraus entwickle sei allein deren Sache.

Mietzner und seine Kollegen von bwcon schauen sich das Dienstleistungsportfolio der Praxispiloten an und klären, ob sie zusammenpassen. Sie prüfen ab, welches Geschäftsmodell dahintersteht und wie sie ihre Kooperation technisch abwickeln wollen. „Meist basiert das Modell auf Anwendungsprogrammierschnittstellen, sogenannte APIs, über die sie ihre Dienste zusammenbringen“, sagt Mietzner. Eine Programmierschnittstelle dient dazu, Informationen zwischen einer Anwendung und einzelnen Programmteilen standardisiert auszutauschen. Die bwcon will sowohl die technischen Komponenten wie die Kollaborationsplattform und den Servicekatalog sowie auch das Netzwerk nach Projektende über Baden-Württemberg Connected e.V. weiterführen.

Es gibt vier gängige Ansätze der Integration unterschiedlicher IT-Systeme zwischen Kooperationspartnern

1. Bilaterale Serviceintegration
Wenn Anbieter eine Lösung gemeinsam anbieten wollen, machen sie das in diesem Fall untereinander aus. Es ist oft relativ einfach, zwei Lösungen zusammenzuführen. Dafür müssen Schnittstellen geschaffen werden, man spricht sich ab und realisiert das Projekt. Je mehr mitmachen, umso komplexer wird das System. „Der bilaterale Integrationsservice ist zwar der technisch und organisatorisch einfachste Ansatz, er führt aber von allen Alternativen zu den meisten Fehlschlägen“, sagt Kutzias. Dieser Ansatz ist passend, wenn es sich um sehr wenige Partner oder Schnittstellen handelt und für die Zukunft auch klar ist, dass wenig oder keine weiteren benötigt werden.

2. Enterprise Service Bus
In der Produktion spricht man auch von Manufacturing Service Bus. Alle Services kommunizieren über eine zentrale Komponente. Die gibt also die Sprache und damit die Schnittstellen vor. In der Konsequenz muss jede Anwendung nur einmal integriert werden, sodass viele sie relativ einfach nutzen können. Das macht diesen Ansatz für komplexe Integrationen deutlich erfolgversprechender als den bilateralen Integrationsansatz.

3. Enterprise Service Bus in der Cloud
Das Prinzip des Enterprise Service Bus gibt es auch als klassische Cloud-Lösung. Bei diesem Ansatz erfolgt die Integration in der Cloud, also beim Betreiber der Cloud und nicht in den Unternehmen, die auf die Lösungen zugreifen.

4. Serviceplattform oder Ökosystem-Integration
Im Prinzip ist sie ähnlich dem Enterprise Service Bus in der Cloud. Ein Ökosystem umfasst jedoch deutlich mehr als eine rein technische Integration, weil mehr anfällt, als Schnittstellen für unterschiedliche Systeme zu schaffen. Die Vernetzungskomponente ist in diesem Fall viel stärker. Oft beinhalten solche Systeme Marktplätze, Querschnittsdienste wie Billing-Dienste und Austauschplattformen. Daher ist diese Art der Integration häufig über mehrere Stufen geschichtet und deutlich komplexer als alle Alternativen.


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