Standort als Vorteil

In keiner anderen EU-Region sind die Innovationsaktivitäten so ausgeprägt, wie in Baden-Württemberg. Daten des ZEW zeigen, dass das drittgrößte Bundesland sich hinsichtlich der Unternehmensdichte im High Tech Sektor auf einer Spitzenposition befindet. Die hohe Unternehmensdichte mit ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten im Unternehmensbestand wirkt sich aber negativ auf die Anzahl der Gründungen aus.
Laut KfW-Gründungsmonitor ist 2015 in Deutschland die Zahl der Existenzgründer um 17 Prozent auf 763.000 gesunken. Im Vergleich der Bundesländer liegt Baden-Württemberg hier lediglich auf Rang acht. Diese Entwicklung wird auch im Statista Dossier Baden-Württemberg bestätigt: die Anzahl der Gewerbeanmeldungen je 10.000 Einwohner ist von 108,9 in 2004 auf 84,8 in 2015 gesunken. Jedoch ist die Überlebensrate der High Tech-Unternehmen, die nach fünf Jahren noch am Markt sind, im bundesweiten Vergleich am höchsten, wie eine Studie des ZEW in Mannheim zeigt.

Eine Forschungslandschaft mit Impact
In keinem anderen Bundesland waren so viele Universitäten in der Exzellenzinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung so erfolgreich wie in Baden-Württemberg. Drei der insgesamt neun Landesuniversitäten – Heidelberg, Konstanz und Tübingen – haben von Land und Bund insgesamt 571 Millionen Euro zur Stärkung ihrer Forschungsexzellenz erhalten. Komplementär zu den Universitäten, den 24 Hochschulen für Angewandte Wissenschaften und zwölf Dualen Hochschulen gibt es außeruniversitäre Forschungseinrichtungen. Darunter befinden sich 13 Fraunhofer Institute, sieben Leibniz-Einrichtungen, zwei Helmholtz-Zentren und zwölf Max Planck Institute. Diese Forschungslandschaft legt zu Beginn der „Wertschöpfungskette“ die Ausgangsbedingungen für Innovationen: Erstens werden Arbeitskräfte ausgebildet und zweitens die wissenschaftlich-technologischen Grundlagen für Innovationen gelegt.

Langfristige Möglichkeiten zur FInanzierung
Gründer und bestehende Unternehmen können Finanzierungspfade für die Vorbereitung und Einführung von Innovationen nutzen. Die Förderprogramme vom Bund und der EU werden durch eine eigene landesweite Förderkulisse ergänzt. Das dichte Bankennetz bietet mit Unterstützung der Mittelständischen Bürgschaftsbank und der KfW unterschiedliche Kreditlinien an. Und neben privatwirtschaftlichen oder staatlich getragenen Beteiligungsgesellschaften gibt es Business Angel Netzwerke und Family Offices, sowie zahlreiche wohlhabende Einzelpersonen und Familien, die in Niedrigzins-Zeiten zunehmend in Startups investieren.

Das ZEW hat ermittelt, dass der bundeweite Trend steigender Transaktionsvolumina mit immer mehr Ko-Investoren auch für Startup-
Finanzierungen in Baden-Württemberg zutrifft. Auch die Investitionszusagen des High-Tech Gründerfonds in Baden-Württemberg haben in jüngster Zeit zugenommen. Während 2013 und 2014 noch jeweils sechs Prozent der Investitionsanträge eine Zusage erhalten haben, waren es 2015 schon 17,1 Prozent. Diese positive Entwicklung mag zwar für die Frühphasenfinanzierung zutreffen. Aber gerade Hightechunternehmen mit Wachstumsambitionen haben einen hohen Kapitalbedarf, der in Deutschland insgesamt nur unzureichend gedeckt werden kann.

Sowohl die Höhe einzelner Transaktionen als auch die Häufigkeit sind im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich. Laut einem Bericht der European Private Equity and Venture Capital Association werden im EU-Durchschnitt Wachstumsinvestitionen von 0,04 Prozent des BIP getätigt. Spitzenreiter ist mit 0,14 Prozent Norwegen (2015 circa 106 Millionen Euro), während Deutschland mit 0,03 Prozent (2015 circa 900 Millionen Euro) knapp unter dem EU-Durchschnitt liegt.

Inkubatoren mit Branchenschwerpunkten
In jüngster Zeit wurden in Baden-Württemberg mehrere Inkubatoren gegründet. Sie unterscheiden sich zwar in ihren Geschäftsmodellen und ihrem thematischen Fokus, haben aber das gemeinsame Ziel, Startups durch Bereitstellung finanzieller, materieller und personeller Ressourcen zu unterstützen.

In jüngerer Zeit fokussieren Inkubatoren in Form von Acceleratoren oder Company-Buildern zunehmend auf jeweils eine Branche oder einen Technologiebereich, wobei sich räumliche Konzentrationen herauskristallisieren: IT in Karlsruhe, Medizin- und Biotechnologie in Heidelberg/Mannheim und Reutlingen/Tübingen, Mobilität im Großraum Stuttgart sowie Mikrosystemelektronik im Freiburger Raum.

Startups erhalten hier über mehrere Wochen bis Monate eine Frühphasenfinanzierung, Arbeitsräume, Zugang zu Qualifizierungsmaßnahmen sowie zu Mentoren- und Investorennetzwerken. Zunehmend sichtbar wurde in den vergangenen Jahren die Startup-Unterstützung innerhalb bestehender, zumeist großer Unternehmen. Sie beteiligen sich an strategisch attraktiven Startups oder bieten eigene mehrmonatige Acceleratoren-Programme an.

Weitere Potentiale
Die oben aufgeführten Zahlen zum High Tech Standort Baden-Württemberg sind zwar überwiegend positiv. Dennoch könnten weitere Potentiale zur Entfaltung kommen:

  •  Erstens wird die Gründungsunterstützung im Landeshochschulgesetz nicht explizit erwähnt und eine dauerhafte Finanzierung der entsprechenden Maßnahmen an Hochschulen, durch das Land oder im Rahmen neuer Modelle, auch mit Industriebeteiligung, ist (noch) nicht vorhanden.
  • Zweitens, zwar in ersten Ansätzen vorhanden, fehlt es weiterhin eines „mächtigen“ öffentlichen Förderinstruments, privatwirtschaftlicher Initiativen oder Public-Private-Partnerships beispielsweise für den Bau von Prototypen oder der Durchführung klinischer Studien.
  • Drittens wurde das Engagement etablierter Unternehmen in der Unterstützung von Start-ups in letzter Zeit zwar sichtbarer. Da es eben diese Unternehmen sind, die von kleinen Startups entwickelten Technologien mit ihrem gesamten Entwicklungsvorlauf nutzen, um ihre Marktposition zu behaupten, kann zukünftig mit größerem Engagement gerechnet werden.
  • Viertens steigen die Transaktionsvolumina bei der Finanzierung von Startups an, allerdings fanden seit 2005 nur 8,2 Prozent aller Investments des HTGF in Baden-Württemberg statt.

Zum Autor:
Dr. Lukas Radwan, der Autor dieses Beitrags, ist Gründungsbeauftragter der Universität  Tübingen und Geschäftsführer der Medical Innovations Incubator GmbH. Sein Dank gilt dem HTGF und dem ZEW für die Bereitstellung von Datensätzen.

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