Werkstoffe clever kombiniert

Wie Pakete vielleicht in Zukunft ausgeliefert werden, dazu hat sich Mercedes-Benz in der Studie Vision Van Gedanken gemacht. Die Entwicklung zum Herzstück des Transporters – ein Regalmodul, das mit Paketen bestückt in das Fahrzeug geschoben wird, um Zeit beim Beladen zu sparen – stammt vom Stuttgarter Start-up CIKONI. Durch den kombinierten Einsatz von Materialien aus dem Leichtbau zur Einsparung von Bauteilgewicht lässt sich neben der Verladezeit auch die transportierbare Nutzlast optimieren.

Hinter CIKONI stecken drei Gründer, die alle zuvor im Bereich Verbundwerkstoffe und Leichtbau unterwegs gewesen waren: Diego Schierle kam vom Institut für Fahrzeugkonzepte des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Jan-Philipp Fuhr war im Rahmen seiner Industriepromotion bei Audi und beim Institut für Flugzeugbau der Universität Stuttgart und Farbod Nezami hatte während seiner Industriepromotion bei Mercedes-Benz und der TU Dresden gearbeitet. Dabei ist das Unternehmen aber keine klassische Ausgründung aus einem Institut, so wie man es beim ersten Blick auf den Background der Gründer vermuten könnte: „Wir wollten kein Thema aus unserer bisherigen Forschung weiterverfolgen. Nachdem wir uns kennengelernt hatten, haben wir beschlossen, gemeinsam etwas zu starten“, erklärt Farbod Nezami. Gesagt, getan. Die drei mieteten sich bei der Technologie-Transfer-Initiative GmbH der Universität Stuttgart ein Büro an. „Wir haben ganz trivial angefangen. Am ersten Tag standen nur ein Tisch und drei Stühle im Büro“, erinnert sich Nezami. Der Grundstein für CIKONI war gelegt. Die drei Gründer hatten keine Fördermittel oder eine Finanzierung in Anspruch genommen, denn es galt, das Pferd sozusagen andersherum aufzäumen: „Wir wollten uns nicht zu früh auf ein Thema versteifen und wollten daher experimentell versuchen, ein geeignetes Geschäftsmodell zu finden. Erst dann stellten wir uns den Finanzierungsfragen“, sagt Nezami. Wichtig sei dem jungen Team gewesen, wirklich nur die Ideen weiterzuentwickeln, „bei denen man merkt, dass dort Drive dahinter ist“.

Seit August 2015 gibt es CIKONI und das Start-up hat seither nicht nur verschiedene Entwicklungs- und Dienstleistungsprojekte für kleine Firmen realisiert, sondern laut Nezami auch für fast alle großen deutschen Automobilfirmen. Eines dieser Projekte war der Vision Van von Mercedes-Benz. Die Transporter-Studie sollte zeigen, wie in Zukunft ein Auslieferfahrzeug für Pakete aussehen könnte und war unter anderem auf der IAA Nutzfahrzeuge im vergangenen Jahr zu sehen. „Mein ehemaliger Chef bei Daimler war damals auf mich zugekommen, da es ein Gewichtsproblem gab“, sagt Nezami. Um die Aufgabe zu lösen, zogen sich die drei Gründer in ihr Büro zurück, direkt an den Schreibtisch. „Wir haben uns ein paar Tage dort eingesperrt und drei verschiedene Lösungsansätze entwickelt. Einer davon ist dann auf offene Ohren gestoßen“, sagt Nezami. Nachdem die Idee detailliert berechnet und innerhalb weniger Monate ein Fertigungsplan erstellt worden war, koordinierte das Team von CIKONI auch die Fertigung für Daimler.

Für das CFK-Leichtbauregal kommen Carbon, Aluminium und Sandwichbauweisen zum Einsatz. //Foto: CIKONI

Der Lösungsansatz, der dem Stuttgarter Unternehmen den Zuschlag brachte, war ein ebenso leichtes wie hochsteifes Carbonregal, durch das ein sogenanntes One-Shot-Loading ermöglicht wird. Paketzulieferfahrzeuge haben das gleiche Problem wie Flugzeuge: Das Beladen kostet Zeit – wertvolle Zeit, in der das Fahrzeug nicht bewegt werden kann. Um diesen Vorgang schneller und effizienter zu machen, wird der Transport im Lager mit einem speziellen Regalsystem beladen, das bereits mit allen Paketen für die Tour bestückt ist. „Das Modul wird ins Fahrzeug eingeschoben und es werden auch gleich alle Daten mitgeliefert, damit das Paket am Zustellort maschinell automatisiert an eine Drohne oder den Boten übergeben werden kann“, erklärt Nezami. Das spart Zeit und der Durchsatz pro Auslieferfahrzeug wird merklich erhöht.

Da die Regalmodule im täglichen Einsatz viel bewegt werden, spielte neben der Lasttragfähigkeit auch das Thema Gewicht eine Rolle. „Wir haben versucht, das Gewicht durch einen Materialmix aus CFK, Aluminium und Sandwichbauweisen maximal zu optimieren“, so Nezami. Denn eine Einsparung durch die Leichtbauweise mache sich bei einer großen Flotte schnell bemerkbar und bezahlt.

Die Transporter-Studie von
Mercedes-Benz zeigt, wie zukünftig ein Auslieferfahrzeug für Pakete aussehen könnte. //Foto: Daimler AG

„Das Projekt war ein sehr großer Vertrauensvorschuss von Daimler an uns und wir konnten auch genau das liefern, was wir versprochen hatten“, freut sich Nezami auch heute noch. Neben dem sauberen Engineering in der Entwicklungsphase seien die richtigen Partner für die Realisierung enorm wichtig gewesen: „Wir wussten, dass wir mit Unternehmen zusammenarbeiten, die ebenfalls ein extrem hohes Professionalitätsniveau haben“, sagt Nezami. So konnte das Projekt trotz des straffen Zeitplans und des Termindrucks ohne Verzüge realisiert werden.

Außergewöhnliche Designs im Blick

Das Thema Design spielte für CIKONI nicht nur beim Vision Van eine große Rolle. „Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, dass man unseren Produkten ihren Innovationsgrad auch ansieht“, sagt Nezami. Deshalb holt sich das Start-up für manche Projekte gerne Künstler oder Leute mit an Bord, die einen starken Designhintergrund haben. „Die bringen dann eine ganz andere Perspektive mit und es macht Spaß, daraus gemeinsam Ideen zu entwickeln“, berichtet Nezami. Außerdem müsse man gewisse Prämissen über Bord werfen, wenn man mit Materialien arbeite, die bisher vorwiegend in der Luft- und Raumfahrttechnik zum Einsatz kamen. „Die Ansprüche, die dort an die Produkte gestellt werden, machen sie so teuer“, sagt Nezami. Dabei gebe es viele andere Möglichkeiten, diese Materialien zu nutzen – gerade auch abseits der Luft- und Raumfahrttechnik, beispielsweise im industriellen Sektor. Dort habe sich in den vergangenen Jahren schon viel getan, die Werkstoffe seien nicht mehr unbezahlbar. Aber: „Wenn es eben so eine radikale Veränderung im Markt gibt, muss man den Mut aufbringen, die Sachen neu auszuprobieren“, findet Nezami. Denn die neuen Werkstoffe bieten nicht nur mehr Freiheitsgrade in der Konstruktion, sondern auch neue Design- und Gestaltungsmöglichkeiten, sagt der Gründer.

Auf das Thema Start-ups und Unternehmensgründung angesprochen, gibt es für Farbod Nezami einen Punkt, den er in aktuellen Diskussionen etwas schade findet:  „Viele Leute, die gründungsinteressiert sind und gute Fachkompetenz haben, bekommen zu hören, man müsse viele Patente haben oder Millionen an Fördermitteln akquirieren – sonst heißt es, wird es eben keine gute Firma. Das ist nicht unbedingt etwas, was die Mentalität fördert“, meint Nezami. Wichtiger sei es seiner Meinung nach, erst einmal überhaupt anzufangen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. „Man kann experimentieren, was denn überhaupt ein gutes Geschäftsmodell ist, und dann schauen, ob es für einen funktioniert und ob der Markt so etwas überhaupt verlangt oder brauchen kann. Auf viele Ideen wartet die Welt vielleicht gar nicht so unbedingt“, sagt Nezami. Sobald man etwas gefunden habe, was wirklich lukrativ sei, könne man sich Gedanken um die Finanzierung oder einen Fördermittelantrag machen, meint Nezami.

Mehr unter:
www.cikoni.com

Alexander Hauber

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.